Trocken werden:

In jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Aber das Wort  Sucht hat nichts mit suchen zu tun. Die sprachliche Wurzel kommt von siech , (krankhaft)..

Jeder Mensch ist stets gefordert, sich für oder gegen etwas zu entscheiden und niemand kann ihn an seiner Entscheidung hindern. Die Motivation zur Entscheidung und deren Resultate können jedoch von aussen beeinflusst werden.  Die Gefühlswelt wird beim Alkoholiker nicht richtig erlebt. Und wenn, dann oft im Extremen. Durch anhaltenden Alkoholkonsum erfolgt eine Verlagerung des Selbstwertgefühls und der Persönlichkeit zum Negativem.

Der Alkohol unterdrückt durch seine Wirkung im Gehirn unangenehme Gefühle und Empfindungen, wie innere Spannungen, Minderwertigkeits-und Angstgefühle, neurotische Konflikte, soziale Anpassungsprobleme und andere Belastungen des Nervensystems. Ob sich jemand in einer bestimmten Lage des Alkohols bedient, um seelische Schwierigkeiten zu mildern oder ihnen zu entfliehen, hängt davon ab, wie weit der Betroffene fähig oder unfähig ist, seeelische Notlagen, Misserfolge und Enttäuschungen zu ertragen und zu verarbeiten. In dieser Hinsicht spielen schon die Erfahrungen aus der Kindheit und die erhaltene Erziehung eine grosse Rolle. 

 


Die Kapitulation vor dem Alkohol bedeutete für mich, die Chance noch einmal anfangen zu dürfen. Als ich das begriff, kam erst einmal etwas Ruhe in mein Leben. Mein Ego, wie es war, musste auf den Müll. Es ist die Begegnung mit mir selbst vor der ich Angst habe. Den Tatsachen ins Auge zu schauen ohne dabei zu zwinkern. Die Angst ist unbegründet weil die Dinge, um die es geht, längst ihren Lauf genommen haben. Egoismus, falscher Stolz und Scham sind es die hier zuschlagen, der Stolz einer kranken, unentwickelten Psyche. Stolz und Egoismus stellen die versteckten Fallen. Das Ego wird zu hoch gehalten und man dreht Filme für ein Umfeld, dass den Trinkenden schon längst durchschaut hat. Der Alkoholiker grenzt sich durch sein Verhalten immer mehr aus und vereinsamt mit der Zeit.

Der Trinker ist sehr dünnhäutig und um seine Fassade besorgt, die hochzuhalten immer anstrengender wird. Er kommt an den Punkt, wo er die Wahrheit sieht und lernt mit ihr zu leben. Das ist ein sehr intensiver Einschnitt weil die Wahrheit tief nach innen geht und alles ans Licht holt. Wer hier noch kämpfen muss und Widerstand leistet, bekämpft sich selbst, hat leider nicht begriffen worum es tatsächlich geht und wird darum noch viel trinken und leiden müssen.

 


Darum ist es auch nicht möglich jemanden, der trinken will, davon abzuhalten. Der alkoholkranke Mensch muss von selbst zur Einsicht kommen und den Wunsch mit dem Trinken aufzuhören, ernsthaft entwickeln. Anhaltender Alkoholmissbrauch schwächt aber im Laufe der Zeit die Fähigkeit nach besseren Lösungen für Probleme zu suchen. Im Gegenteil ruft der Alkohol nur neue Spannungen und Konflikte hervor, die wiederum mit Alkohol gedämpft werden und den Trinker in einem Teufelskreis treiben, aus dem zu entrinnen sehr schwierig ist. Ein weiterer Teufelskreis entwickelt sich mit den Schuldgefühlen die sich zunehmend auf die Psyche auswirken und eine enorme Belastung darstellen.


 

Reinhold Niebuhr (* 1892 - † 1971)


 

                                                                                                         

 

 © U.M.Matthees/Alkohol