Rückfall und Rückfallprophylaxe:

Was ist ein Rückfall und wie kommt es dazu?
Wie kann ich einem Rückfall vorbeugen?

Rückfälle stellen nach einer Entgiftungs- und Entwöhnungsbehandlung eher die Regel als die Ausnahme dar.
Im ersten halben Jahr nach einer Behandlung ereignen sich die meisten Rückfälle.
Nach einer Entgiftung werden mehr Personen rückfällig als im gleichen Zeitraum nach einer Therapie.
Als Rückfall wird jede Suchtmitteleinnahme bezeichnet, für die mindestens 7 Tage Abstinenz besteht und bei der die Entzugssyndrome abgeklungen ist. Andernfalls bedeutet es lediglich eine Unterbrechung des Suchtmittelkonsums, "Ausrutscher". Einen Rückfall stellt auch ein Wechsel des Suchtmittels nach vorheriger  Abstinenz dar, "Suchtverlagerung".
Eine Statistisk zeigt, dass innerhalb eines Jahres ca. 76% der stationär Entgifteten und 37% der stationär Entwöhnten Patienten einen Rückfall erleiden. Nach vier Jahren sind von den stationär Entwöhnten noch ca. 46% trocken, das bedeutet, über die Hälfte der Alkoholkranken wird wieder rückfällig!

Ein Rückfall muss keine Katastrophe sein, wenn man folgendes bedenkt:
Rückfälle sind Bestandteil aller Veränderungen und keine Besonderheit bei Alkoholabhängigkeit.
Bei anderen Suchterkrankungen (Nikotin, Drogen, usw.) ist die Rückfallquote mindestens genau so hoch, wie bei Alkoholabhängigkeit.
Die eigene Rückfallgefährdung wird oft unterschätzt, darum ist es wichtig, sich mit der eigenen Rückfallgefährdung auseinanderzusetzen.
Alkoholismus ist eine unheilbare Suchtmittelerkrankung, die bestenfalls zum Stillstand gebracht werden kann.
Dies geschieht, indem sich der Betroffene mit seinem Trinkverhalten auseinandersetzt, und sich dazu entscheidet, sein Verhalten so zu ändern, dass er zukünftig ohne den Konsum alkoholischer Substanzen (abstinent) leben will und kann.


Der Weg aus der Sucht braucht Zeit - wie alle Veränderungen im Leben.


Viele Alkoholiker und auch Angehörige erliegen dem fatalen Irrtum, nach einer gewissen Zeit der Abstinenz wieder einen kontrollierten Umgang mit Alkohol aufnehmen zu können. Bei allen stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen wird im Gehirn des Betroffenen bei erneuter Zufuhr der Droge das so genannte Suchtgedächtnis sofort aktiviert. Es funktioniert wie ein Computerchip, auf dem das einmal erlernte Suchtverhalten dauerhaft abgespeichert ist. Der Betroffene fängt praktisch sofort wieder da an, wo er zuletzt aufgehört hat und die Abhängigkeit ist im vollem Ausmass wieder vorhanden.
Unter einem alkoholischen Rückfall versteht man also das Wiederaufnehmen des alten Trinkverhaltens.

Es gibt verschiedene Arten des Rückfalls, die wir einmal näher betrachten wollen.

1. Den sofortigen Rückfall:
Nach einer Zeit der Abstinenz erliegt der Erkrankte dem immer öfter und stärker auftretenden Saufdruck. Das Verlangen nach Entspannung und Erleichterung wird immer stärker und der Betroffene spielt mit dem Gedanken zu trinken oder nicht, so lange, bis er dem Gedanken zu trinken schliesslich nachgibt und wieder damit anfängt.


2. Den stufenweisen Rückfall:
Hier schafft es der Rückfällige nach einmaligem Konsum schnell wieder von der Droge abzulassen, um dann nach einer gewissen Zeit erneut zuzugreifen. Es können mehrere Wochen dazwischen liegen. Mit der Zeit werden die Abstände zwischen den einzelnen Rückfällen allerdings immer kürzer, bis schliesslich jeder Widerstand aufgegeben wird und der Betroffene sein altes Trinkverhalten wieder aufnimmt.


3. Den schleichenden Rückfall:
Meist passiert es, dass der Betroffene nach einer gewissen Zeit der Abstinenz zu der Überzeugung gelangt, wieder kontrolliert trinken zu können. Als Beispiel nehmen wir einen Mann, der sich einmal in der Woche mit seinen Kollegen am Stammtisch trifft. Seitdem er aus der Therapie ist, bestellte er sich jeden Abend Mineralwasser. Als es dann einen Abend besonders hoch her ging, die Stimmung besonders ausgelassen und fröhlich ist, kommt ihm der Gedanke jetzt auch mal ein Bier zu bestellen. Er nimmt sich dabei fest vor, nur ein einziges Bier zu trinken, was ihm anfangs auch tatsächlich gelingt. Weil das so gut geklappt hat, bestellt er sich nun jede Woche beim Stammtisch ein Bier und fühlt sich sicher, kontrolliert trinken zu können.
Das geht eine ganze Weile über ein paar Wochen gut, inzwischen erlebte er jedoch einen ziemlichen Druck und fragte sich, ob es nicht helfen würde, statt einem ruhig zwei oder drei Biere zu trinken? Da er aber wusste, was passieren würde, verwarf er diesen Wunsch sofort wieder und dieser Gedanke quälte ihn noch einige Zeit weiter, so lange, bis er es nicht mehr aushielt, dem Druck nachgab und wieder in sein altes Trinkverhalten zurückfiel.


Wie kommt es zu Rückfällen?
Eine gezielte Rückfallvorbeugung setzt die genaue Kenntnis der persönlichen und allgemeinen Rückfallrisiken voraus.
Dazu ist es hilfreich, die Hauptrückfallauslöser zu kennen um rechtzeitig gewarnt zu sein und gegensteuernde Massnahmen anzuwenden. Besonders hilfreich ist dabei der regelmässige Besuch einer Selbsthilfegruppe, wo der Betroffene über sich und seine augenblickliche Lebenssituation durch das Feedback der Gruppe reflektiert wird und so eine Art von Frühwarnsystem für sich aufbauen kann..
Dies nennt man Bewältigungsstrategien oder auch "Coping-skills".


„To cope with“ heißt auf deutsch soviel wie „einer Sache Herr werden, gewachsen sein“. Coping beschreibt also, wie  Menschen mit bestimmten Situationen fertig werden. Auch dabei gibt es in an sich vergleichbaren Situationen große individuelle Unterschiede. So kann z. B. eine Prüfung für den einen Menschen eine große Belastung, für den anderen eine Herausforderung sein. In Abhängigkeit davon wählt jeder Mensch unterschiedliche Strategien, um mit der gleichen Situation zurechtzukommen.
(Quelle: www.uni-bielefeld.de/psychologie/ae).

 


 

 

 


 

 

Es gibt in der Person liegenden Rückfallursachen:
Unangenehme Gefühlszustände, (z.B. Ängste, Depressivität, Enttäuschungen, Kränkungen, Stress).
Unangenehme körperliche Zustände, (z.B. Schlaflosigkeit, Schmerzen).
Angenehme Gefühlszustände, (z.B. Stolz, Zufriedenheit, Freude).
Der Versuch kontrolliert zu trinken.
Alkoholverlangen, (Saufdruck)

und die im zwischenmenschlichen Bereich liegenden Faktoren:
Streit, Spannungen, allgemeine Konflikte.
Gemeinschaft mit Alkohol trinkenden Menschen, die zum Konsum auffordern.
Angenehme Gefühlszustände im Zusammensein mit anderen, (z.B. bei Sport-oder Musikveranstaltungen,  wo es ausgelassen und fröhlich unbeschwert zugeht).

Die Hauptursache ist ein so genannter unausgewogener Lebensstil

Wenn zwischen den Belastungen des Alltags und den angenehmen Dingen des Lebens kein Gleichgewicht besteht, spricht man von einem unausgewogenem Lebensstil. Je mehr sich das tägliche Leben mit angenehmen, entspannend wirkenden  Faktoren anreichert, desto  geringer ist das Bedürfnis sich mit Alkohol die fehlende Entlastung und Entspannung zu verschaffen.
Genauso wie die täglichen Pflichten ihren Platz haben sollte daher auch Zeit und Raum für die angenehmen Dinge vorhanden sein.

 


 

Ein Rückfall ist menschlich und muß keine Katastrophe sein.  
Bei dem Versuch, die Alkoholabhängigkeit zu überwinden, ist ein Rückfall eher die Regel als die Ausnahme. Dies wird leicht verständlich, wenn Sie sich einmal vor Augen führen, wie schwer es ist, sich bestimmten Gewohnheiten oder Verhaltensweisen "abzugewöhnen". Es ist schwer ein über viele Jahre praktiziertes Verhalten innerhalb kurzer Zeit und beim "ersten Anlauf" einfach abzustellen.


Sie haben bei entsprechenden Versuchen vielleicht die Erfahrung gemacht, daß Sie für das Verhalten, welches Sie aufgeben wollen, etwas neues suchen und finden müssen. Wenn Sie z.B. den Fernsehkosum reduzieren wollen, so ist es sicherlich hilfreich, sich stattdessen eine andere Beschäftigung zu suchen, die Ihnen Freude macht, etwas das Sie gerne tun und bei dem Sie etwas gewinnen.


Wenn wir uns Ziele setzen ist es also wichtig, daß es sich um positive Ziele handelt; Ziele, für die es sich subjektiv lohnt, Energien zu investieren. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Rückfall bei Alkoholabhängigen: Es reicht nicht zu beschließen "Ich trinke keinen Alkohol mehr!", denn dann erleben Sie zunächst nur den Verlust eines Begleiters, der Ihnen vielleicht über lange Zeit ein "Freund" und "Seelentröster" gewesen ist.
Ein/e Alkohlabhängige/r, die/der wider besseres Wissen und trotz guter Vorsätze erneut Alkohol trinkt, versucht damit (meistens nicht bewußt), sich in einen erträglicheren angehmeren Gefühlszustand zu versetzen. So gesehen kann ein Rückfall letzlich als ein Versuch angesehen werden, Unangenehmes zu vermeiden und Angenehmes herbeizuführen.Die Beschreibung ist nur der kleinste gemeinsame Nenner, auf der Rückfälle zu bringen sind.


Die Auslöser, Gründe und Hintergründe sind sehr unterschiedlich. Der Eine will vielleicht schwer erträgliche Gefühle wie Ärger und Verzweiflung betäuben; eine Andere wünscht sich durch den erneuten Alkoholkonsum die ersehnte Entspannung und Entlastung, der Dritte will vielleicht Angst und Traurigkeit überspielen. All diese Beweggründe haben eine Gemeinsamkeit: Es gibt eine Unzufriedenheit mit dem bestehenden, ein Unbehagen an der Wirklichkeit und Lebensrealität mit ihren Einschränkungen und Konflikten.
Der Rückfall kann Sie also darauf aufmerksam machen, was in Ihrem Leben eine Belastung darstellt und was Sie davon bislang nicht zufriedenstellend gelöst oder akzeptiert haben. Unter diesem Aspekt kann ein Rückfall eine Chance für die Betroffenen darstellen. In jedem Fall ist er ein Signal, sich mit seinem/ihrem Leben aufrichtig auseinanderzusetzen und nicht vor sich selbst zu fliehen.


Diese Sichtweise soll nun keine Einladung zum Rückfälligwerden darstellen, sondern sie soll deutlich machen, daß ein Rückfall kein Grund ist, alles bisher erreichte "über Bord zu werfen" nach dem Motto: Das hat ja sowieso alles keinen Sinn, ich schaffe es doch nicht!" Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen können helfen, das Leben meistern zu lernen, ohne den Alkohol als "Freund und Begleiter" einzusetzen. Denn auch der Rückfall ist letzendlich keine Lösung: Das erneute Trinken ist nur eine scheinbare Hilfe, denn nach Abklingen der Alkoholwirkung sind die gleichen Probleme, unangenehme Gefühlszustönde und unerfüllte Wünsche wieder da.

Es bleibt festzuhalten: Ob Rückfälle nur als Ausdruck des Scheiterns anzusehen sind oder auch als Krise im positiven Sinne, hängt ganz wesentlich davon ab, wie wir uns die Rückfälle erklären. Wer einen Rückfall nur als Ausdruck von Willensschwäche, Uneinsichtigkeit oder Krankhaftigkeit begreift, übersieht, daß sich aus einem Rückfall viel lernen läßt. Wichtig ist noch: Der Anschluß an eine Selbsthilfegruppe stellt immer auch eine Maßnahme der Rückfallvorbeugung dar!

RÜCKFALL: EIN ALPTRAUM FÜR DIE ANGEHÖRIGEN

Die häufigsten Anlässe für Rückfälle sind nicht Überredung, Streit oder schwere Schicksalsschläge an sich sondern Einsamkeit, Niedergeschlagenheit, Angst, Gereiztheit, Gekränktsein, unerklärliche Stimmungsschwankungen, Gefühle der Sinnlosigkeit und Leere, Anspannung und Nervosität.


Rückfälle geschehen meistens nicht auf Festen oder in Lokalen, sondern zu Hause. Dies bedeutet nicht, daß die Angehörigen für ein ausgewogenes Gefühlsleben des Betroffenen sorgen müssen! Dies ist ganz alleine die Verantwortung und Aufgabe des Abhängigen. Die Angehörigen tun gut daran, wenn sie ebenfalls gut für ihre Gefühlslage und Bedürfnisse sorgen lernen.


Für Angehörige ist es ebenso wichtig, sich mit dem Rückfall auseinanderzusetzen wie für den Betroffenen selbst, weil der Rückfall bei der Genesung von Alkoholabhängigkeit eher die Regel als die Ausnahme ist. Das bedeutet, daß auch sie als Angehörige mit solch einer Situation wahrscheinlich konfrontiert werden, wenn Sie mit einem Alkoholabhängigen zusammenleben. Für Sie ist es also wichtig zu lernen, wie Sie sich bei einem Rückfall verhalten können, damit Sie den Betroffenen nicht ( unbewußt) in seinem Rückfallverhalten stützen.

Es ist eine Illusion zu glauben, durch Liebe, Fürsorge, In-Watte-packen und Fernhalten von Problemen verhindern zu können, daß der Alkoholabhängige rückfällig wird.
Die Angehörigen haben nicht die Verantwortung für das Verhalten des Betroffenen. Ihr alkoholabhängiges Familienmitglied muß seine Erfahrungen selber machen können - auch schmerzliche. Erst dann kann er/sie lernen, wie er/sie mit Enttäuschungen, Angst und anderen schwierigen Gefühlen umgehen kann, ohne zur Flasche zu greifen. Sie als Angehörige/r müssen lernen, Ihrem Partner nichts von seinen Aufgaben abzunehmen - auch dann, wenn er sie nicht so perfekt bewältigt, wie Sie es selbst vielleicht machen würden.

Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, daß Sie den Alkoholkonsum Ihres Familienmitgliedes nicht verursacht haben und daß es auch nicht in Ihrer Macht steht, einen Rückfall zu verhindern. " Wenn Du mich nicht dauernd kritisieren würdest, bräuchte ich auch nicht wieder zu trinken".. Suchtkranke sind Meister darin, die Verantwortung für ihren Alkoholkonsum anderen Personen zuzuschreiben. Versuchen Sie, nicht in diese Falle zu treten!

Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, daß Sie das Beste getan haben, was Sie konnten. Sie wissen inzwischen, daß Sie sich geirrt haben in der Annahme, Sie könnten einen anderen Menschen dazu bringen, mit dem Trinken auzuhören.

Haben Sie den Mut, sich zu fragen, was Ihnen fehlen wird, wenn das abhängige Familienmitglied nicht mehr abhängig ist. Dieser Vorschlag mag Sie zunächst verwirren oder sogar verärgern.Allerdings ist es ganz natürlich, daß auch Ihnen vielleicht etwas fehlt, wenn sich etwas in Ihrem Leben verändert, an das Sie sich gewöhnt haben. Sollte das abhängige Familienmitglied jetzt wieder selbst Dinge in die Hand nehmen, die Sie jahrelang übernommen haben, so bedeutet das nicht, daß Sie sich gleich damit wohl fühlen werden. So kann ein Rückfall durchaus altbekannte und vertraute Situationen wieder herstellen.

Suchen Sie sich Hilfeangebote für Angehörige von Alkoholikern in Ihrer Umgebung. Glauben Sie nicht, daß Sie alles alleine bewältigen müssen. An Ihrem Wohnort oder in der näheren Umgebung gibt es vielleicht eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe, die sie aufsuchen knnen.

Gestehen Sie sich selbst eine Veränderung in kleinen Schritten zu und vermeiden Sie es, sich zu überfordern oder Ihre eigenen Rückfälle in bekannte Verhalten zu verurteilen. Machen Sie sich klar, was Sie tun werden, wenn die abhängige Person weiterhin trinken wird. Teilen Sie ihr Ihre Entscheidungen mit, wenn er/sie nüchtern ist und bleiben sie dabei unbedingt konsequent, wollen Sie Ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.

Der Weg aus der Sucht braucht seine Zeit. Geduld, Gelassenheit und Toleranz für den Lebensweg anderer Menschen ist angebracht.

                                                                                                    

 

 


 

 © U.M.Matthees/Alkohol