Kritische Phase, Fortsetzung 2:

26. Vernachlässigung angemessener Ernährung:

Sowohl das Sichern des Alkoholvorrats als auch die ersten Auswirkungen auf den Organismus durch das ständige Trinken (Appetitlosigkeit) bringen den Alkoholiker dazu, seine Ernährung zu vernachlässigen bzw. sich völlig einseitig zu ernähren (Kotelett, Frikadellen, Würstchen, Brühen usw. - Vitaminmangel):

27. Erste Krankenhauseinweisung wegen alkoholischer Beschwerden:

Die ersten organischen Schäden werden akut (Gastritis, Leberschäden, neurologische Störungen): Stationäre Behandlung wird erforderlich.

28. Abnahme des Sexualtriebes:

Während sich zu Beginn der Trinkerzeit eine erhöhte sexuelle Triebhaftigkeit bemerkbar macht und an die Ehefrau oft unzumutbare Forderungen gestellt wurden, zeigt sich jetzt eine zunehmende Impotenz des Alkoholikers.

29. Alkoholische Eifersucht:

Aufgrund der eigenen zunehmenden Impotenz und des zunehmenden Ekels der Ehefrau steigert sich beim Alkoholiker die Feindschaft gegen seine Ehefrau. Er unterstellt ihr ausserehelichen Verkehr und verfällt daher in die "alkoholische Eifersucht". Reaktionen seiner Ehefrau auf sein Fehlverhalten werden von ihm grundsätzlich missverstanden, ein anderer Mann wird dahinter vermutet.

30. Regelmässiges morgendliches Trinken:

In diesem Stadium haben Gewissensbisse, Unwillen, Kampf zwischen Alkoholverlangen und Pflichten, Verlust der Selbstachtung und Selbstmitleid, Zweifel und Selbsttäuschung den Alkoholiker so zerrüttet, dass er den Tag nicht beginnen kann, ohne sich nach dem Aufstehen oder noch vorher mit Alkohol zu beruhigen. Ja, er kann schon seine Arbeit ohne Alkohol nicht mehr ausführen. Durch den bisherigen Prozess des Alkoholismus ist die seelische und körperliche Widerstandskraft schon völlig untergraben.

D. Chronische Phase:

31. Einsetzen des verlängerten Rausches:

Die zunehmend beherrschende Rolle des Alkohols und das durch morgendliches Trinken entstandene Verlangen, brechen schliesslich den Widerstand des Alkoholikers. Er ist jetzt auch am hellen Tag und bisweilen öfters in der Woche betrunken. Dann verharrt er mehrere Tage hintereinander in diesem Zustand, so dass er dem verlängerten Rausch unterliegt, bis er völlig unfähig ist (geistig und körperlich), noch etwas zu unternehmen.

32. Bemerkenswerter ethischer Abbau:

Die mit diesen anhaltenden Exzessen verbundene Gleichgültigkeit gegenüber der Welt hat bei dem Alkoholiker einen erheblichen ethischen Abbau zur Folge.

33. Beeinträchtigung des Denkens:

Auch das Denkvermögen weist erhebliche Ausfallserscheinungen auf. Sachliche Überlegungen vermag der Alkoholiker nicht mehr anzustellen, seine Gedanken verfolgen nur noch "krumme Wege".

34. Alkoholische Psychosen:

Bei vielen Alkoholikern treten in diesem Stadium die ersten alkoholischen Psychosen auf, das sind durch Alkohol bedingte Geistesstörungen, Halluzinationen, psychosomatische und psychasthenische Reaktionen.

35. Trinken mit Personen unter Niveau:

Der Verlust der Moral und oft auch der Verlust der eigenen sozialen Stellung bewirken häufig, dass der Alkoholiker nach dem Motto "Unter den Blinden ist der Einäugige König" mit Personen weit unter seinem Niveau trinkt oder auch allgemein mit Personen, mit denen er sonst im Leben kaum Kontakt suchen würde.

36. Zuflucht zu technischen Produkten:

Wenn der Alkoholiker nichts anderes hat oder seine finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, nimmt er zur Befriedigung seiner Gier Zuflucht zu technischen Produkten wie Kölnisch Wasser, Haarwasser, Franzbranntwein, minderwertigem Wermut oder Brennspiritus.

37. Verlust der Alkoholtoleranz:

Geistige und körperliche Widerstandskraft sind abgebaut, der Alkoholiker benötigt keine grosse Mengen mehr, um in den Vollrausch zu kommen. Der Vollrausch wird in seiner Wirkung jedoch immer kürzer. Das Trinken wird daher immer hektischer, der Circulus vitiosus rotiert immer schneller.

38. Undefinierbare Ängste und Zittern

39. werden Dauererscheinungen:

Anhaltendes Zittern (Tremor), ständige Niedergedrücktheit (Depression) und Angstzustände sind in diesem Stadium Symptome beim Alkoholiker, die auftreten, sobald in seinem Organismus kein Alkohol mehr vorhanden ist. Die ersten prädeliranten Zustände treten auf. Diese Zustände versucht der Alkoholiker dann wiederum mit Hilfe von Alkohol unter Kontrolle zu bekommen bzw. sie damit zu überspielen.

40. Organische Nervenschädigungen (Polyneuropathie):

Infolge der chronischen Alkoholintoxikation (Vergiftung) treten länger dauernde Schädigungen des peripheren Nervensystems auf, die also auch noch nach dem Entzug Störungen verursachen: Kribbeln und Taubheitsgefühl (sensibles Nervensystem), Greif- und Gangstörungen (motorisches Nervensystem) - vorwiegend in Händen, Armen, Füssen und Beinen.

41. Trinken wird Besessenheit:

Aus der Notwendigkeit heraus, Ängste, Zittern, Hemmungen usw. zu überwinden, sieht der Alkoholiker sich gezwungen, ständig zu trinken. Damit nimmt sein trinken den Charakter der Besessenheit (Obsession) an.

42. Unbestimmte religiöse Wünsche:

Da der Alkoholiker für sein Fehlverhalten, das er allmählich als solches erkannt hat, immer weniger eine  Erklärung findet, gibt er sich dubiosen religiösen Vorstellungen hin, die sich bis zum religiösen Wahn steigern können.

43. Das Erklärsystem versagt:

Aber auch die vorerwähnten religiösen Vorstellungen und Wünsche vermögen dem Alkoholiker keine Antwort auf seine ständige Frage nach dem "Warum" zu geben. Die Erklärungen, die er sich aus seinem eigenen "Erklärsystem" gibt, werden so häufig und unbarmherzig der Wirklichkeit gegenübergestellt, dass sie vollständig versagen. Er weiss keine Antwort mehr und gesteht seine Niederlage ein.

44. Zusammenbrüche:

Als Folge dieser Niederlagen ergeben sich für den Alkoholiker seelische Zusammenbrüche, oft verbunden mit Krampfanfällen. Diese Zusammenbrüche sind oft so schwerer Natur, dass die ärztliche Behandlung unbedingt notwendig ist. Selbstmordversuche sind in diesem Stadium selten.

45. Alkoholdelirium:

Beim Alkoholiker tritt - meist im Entzug - ein hochgradiger Verwirrtheitszustand auf mit Wahnideen, Halluzinationen und schwerer motorischer Unruhe (evtl. mit Fieber verbunden; der Ausgang kann zu 30% tödlich sein)! Dieser Zustand heisst Delier oder Delirium tremens. Wird in dieser Stufe (Endstufe) das Stadium der Korsakowschen Erkrankung erreicht, so wird die Zerstörung der Gehirnzellen langsam irreparabel.

Korsakow - Syndrom; Psychischer Folgezustand nach schweren toxischen, infektiösen, traumatischen oder arteriosklerotischen Hirnschädigungen, meist aber durch Alkohol. Symptomenkomplex, der gekennzeichnet ist durch hochgradige Störungen der Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Auffassung und Reproduktion sowie Gedächtnisausfälle, die durch Erinnerungsfälschungen (Konfabulationen) ersetzt werden; daneben zeitliche und örtliche Desorientierung, euphorische, später stumpfe und gleichgültige Stimmungslage, Initiativlosigkeit und rasche Ermüdbarkeit. Der alkoholische Korsakow (Korsakow - Psychose) beginnt meist mit einem Delirium tremens und ist oft verbunden mit der alkoholischen Polyneuropathie (s. Punkt 40).

                                                                                                   

 

 © U.M.Matthees/Alkohol