Alkoholismus ist eine Krankheit die Dir sagt, daß Du sie nicht hast!

         Gedanken eines neuen Gruppenbesuchers

  • Es geschieht recht oft, dass ein Betroffener voller Begeisterung und auch motiviert seinen ersten Gruppenbesuch beendet mit dem festen Versprechen beim nächsten Gruppenabend auf jeden Fall wieder dabei zu sein.


Der erste Abend in einer Selbsthilfegruppe wird als "nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe" empfunden und die eigene Motivation ist meistens auch echt und nicht geheuchelt.
Am nächsten Morgen wache ich auf, und lasse den gestrigen Abend Revue passieren, erinnere mich wohl an den einen oder anderen hilfreichen Satz, den ich hörte, aber da ist schon dieser unheimliche Saufdruck, das ziehen, bohren und nagen am Nervenkostüm, es ist nicht zum aushalten.
Das einzig wahre Gegenmittel, das immer 100%ig hilft, wäre ein wenig Alkohol, nur ein kleiner Schluck, um die Nerven zu beruhigen. Aber ich will doch nicht mehr trinken müssen, es ist noch keine zehn Stunden her, als ich selbst diesen Satz in der Gruppe sagte und die Anwesenden mir gut gemeinte Tipps gaben, was ich am besten tun sollte.


Ich weiss was jetzt am besten für mich ist, aber das deckt sich nicht mit meinem Vorhaben trocken zu werden, ich muss unbedingt einen kleinen Schluck haben, dann gehts mir gleich besser und ich kann auch viel klarer denken.
Die letzte Nacht habe ich mich sowieso nur von einer Seite auf die andere gedreht, ich fühle mich wie gerädert und mein Bett ist nass und klamm von Schweiss.
Was ist denn dagegen einzuwenden, immerhin will ich ja nur diesen einen kleinen Schluck und nicht gleich die ganze Buddel haben.
Meine Nerven, ich kann kaum einen richtigen Gedanken fassen, mir ist abwechselnd kalt und heiss, meine Hände zittern und mein Herz rast. Ich fühle mich rastlos, wie gehetzt, mein Herz schlägt bis in den trockenen Hals, irgendwie geht mir hier alles auf die Nerven, wenn doch bloss Ruhe wäre, es geht mir schlecht.


Da ist wieder der Gedanke an Alkohol, nur einen Schluck und gut ist.
Aber ich will doch nicht, ich habe es mir doch fest vorgenommen, gestern Abend sah es noch viel einfacher aus, als es jetzt ist.
Dieser unheimliche Drang etwas zu trinken wird immer stärker und ich glaube es wird nicht so schlimm sein, wenn ich jetzt trotzdem einen kleinen Hieb aus der Buddel nehme.
Die sagten etwas von wegen ein Glas benutzen, quatsch, wozu, ich nehme ja nur einen kleinen Hieb und dann stelle ich die Flasche sofort wieder weg.


Zwei Stunden später liege ich schräg auf dem Sofa, die Flasche vor mir auf dem Tisch ist fast leer, meine Nerven geben Ruhe und meine Gedanken sind schon unterwegs zum Laden, Nachschub organisieren, der Tag ist ja schliesslich noch lang und wie soll ich den ohne Sprit rumkriegen?
Immerhin, gestern abend war ich ja schon mal bei der Selbsthilfegruppe, ich habe etwas unternommen, aber nun ist erstmal der Nachschub das wichtigste.


Ich glaube, die Vorschläge von denen helfen mir nicht, ich bin ein hoffnungsloser Fall, ich schaffe es einfach nicht von allein.
Die können mir auch nicht weiterhelfen, da kann ich mich auf keinen Fall mehr blicken lassen, hoffentlich treffe ich von denen keinen.


Und so fallen täglich reihenweise alkoholkranke Menschen um, allen guten Vorsätzen zum Trotz.
Für die Selbsthilfegruppe sind sie auf unbestimmte Zeit "verbrannt", das Schamgefühl versagt zu haben ist zu gross.


Das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein ist wieder eine Stufe weiter nach unten gerutscht.
Man kann sich selbst nicht mehr vertrauen, lügt sich weiter in die eigene Tasche, glaubt irgendwann tatsächlich daran und hat dafür ganz plausible Gründe.
"Schuld" sind immer andere gerade greifbare Umstände, was bleibt einem denn da noch übrig, als zu saufen?

Solange ich als "nasser" Alkoholiker nicht in der Lage bin, vor mir selbst diese dauernden Niederlagen zuzugeben und weiter mich und mein Umfeld belügen muss um den Schein zu wahren, solange werde ich das tun müssen, was "König Alkohol" befiehlt.

Die Offenbarung meiner Not und das kompromisslose Eingeständnis meiner Ohnmacht sind der Schlüssel zum Weg.

Die Menschen in den Selbsthilfegruppen kennen solche Erlebnisse gut aus eigener Erfahrung, es ist für sie nichts Neues wenn es zu solchen Anlaufschwierigkeiten kommt und es ist kein Grund für sie, deswegen den Betroffenen zu be- oder verurteilen, wir wissen eben wie schwer es fällt und ermutigen zum weitermachen.

Aller Anfang ist schwer, selbst wenn es beim ersten Mal daneben geht, versuche es einfach weiter!

 


 Es ist nicht schlimm, hinzufallen, aber es ist schlimm, nicht wieder aufzustehen...


� U.M.Matthees/Alkohol

 


 

 

 

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